Der Zauberkessel

Der keltische Kessel ist eines der wichtigsten Symbole des keltischen Altertums, jener Zeit, in der die Götter und die Wesen der Anderswelten sich mit den Menschen vermischten, unter ihnen lebten und sie führten. Es war die Zeit der Terra Mater, der Mutter Erde, symbolisch für eine matriarchalisch ausgerichtete Gesellschaft, in der alles von der Frau abhing oder im Zusammenhang mit ihr stand. Beispielhafte Figuren sind die Göttinmutter Dana(Danu), die Naturgöttin Keridwen oder u.a. die Göttin Epona, alias Rhiannon, alias Branwen und alias Goleuddydds als Culhwchs Mutter. Der Kessel selbst ist von seiner Form her als Symbol des Mütterlichen zu werten, vergleichbar mit dem Bauch der Mutter, aus dem Leben gespendet wird, in diesem Fall, das zum Leben Notwendige, das Essen - ein Spender der Fülle - später als der Spender des Lebens (siehe auch: Branwen und Bran) und in Keridwens Händen wird er zum Spender des Wissens (siehe auch: Taliesin).
Er ist ein magisches Utensil aus einer anderen als der wirklichen Welt und steht in der Interpretation bei seinem jeweiligen Wiederauftauchen als ein Anzeiger einer neuen Bewusstseinsstufe, die der Mensch in seiner geistigen Entfaltung kontinuierlich durchläuft.

Keltischer Kessel

Dereinst, als die Thuata Dé Danann auf der Erde(1) herrschten, war Irland das Paradies. Eine einzige Kuh(2) versorgte die ganze Bevölkerung der Insel mit Milch und der Kessel des Dagda speiste das Volk mit seiner immerwährenden Fülle. Der Kessel war eine Gabe der Kinder der Adlergöttin an Irland. Sie hatten den Kessel aus einer der vier mystisch-jenseitigen Städte mitgebracht, als sie die Smaragdinsel besiedelten, zuerst die Firbolg besiegten und anschliessend die Zyklopen (Fomori) in die Todeswelt verbannten. Der Zauberkessel stand unter der Obhut des Gottes Dagda, der ihn verwaltete und dafür sorgte, dass niemand Hunger zu leiden brauchte.

Lange war Irland eine paradiesische Heimat, bis die Fomori wieder aus ihrer Verbannung über die Dé Danann hereinbrachen, die Kuh und den Kessel stahlen und mit beiden in ihrer Unterwelt verschwanden. Seine Wirkung verblasste, da die Fomori nichts mit dem Kessel anzufangen wussten. Als Kochgerät konnten sie ihn nicht gebrauchen, da sie kein Holz zum Feuermachen kannten. Der Kessel stand also ungenutzt in der unterirdischen, geistlosen Anderswelt der Fomori und wurde von Balor, dem gefürchteten Herrscher dieser Unterwelt und König der Fomori bewacht.

Die neue Wirksamkeit des keltischen Kessels wird in der Geschichte des Cian, Sohn des Schamanen Cian Cecht - jener Wunderarzt, der Nuadas silbernen Arm herstellte - schon angedeutet. Cian ging in die Fomorenunterwelt um sowohl den Kessel als auch die Kuh wieder in den Besitz der Dé Danann zu bringen. Bei dieser Expedition verliebte er sich in Balors Tochter, die dieser in einem Turm gesperrt hatte. Auf Balor lag ein Fluch, der besagte, dass er sein Leben verlieren würde, an dem Tag, an dem jemand seine Tochtger ehelichte. (eine ähnliche Variante weist die Sage von Culhwch und Olwen auf, in der Olwens Vater, der Riese Ysbaddadden ein annäherndes Schiksal erfährt). Cian zeugte mit Balors Tochter Ethlenn einen Sohn, der als Lichtbringer (ähnlich dem Culhwch an Artus Hof) mit Namen Lugh (Sonnengott) den Thuata Dé Danann zum definitiven Sieg über die Fomori verhelfen sollte, in dem er unter anderem seinen Großvater Balor tötete. Die Zeugung des Sonnenkindes steht für die Auflehnung der alten Zeit gegenüber de Neuen. Gleichzeitig bewirkt der Kessel in der finsteren Unterwelt das Licht und neues Leben, ohne allerdings wieder aufzutauchen. Er wirkte sozusagen aus der Dunkelheit, dem Unbewussten hinauf zum Gedeihen eines erweiterten Bewusstseins. Seine neue Funktion - die des Lebenspendens - war angekündigt.

Mit den Milesiern kam das Eisen nach Irland und mit ihm eine weitere Variante der Kesselmythen. Zwei Herrscher, einer davon der Ur-König Britanniens, der andere ein irischer Herrscher - Bran und Matholwch (siehe Branwen und Bran) - unterhielten sich über die Funktion des Kessels, den Bran dem Freier seiner Schwester Branwen als Wiedergutmachung für erlittenen Schaden angeboten hatte. Bran seinerseits kannte die Funktion des magischen Kessels, wußte hingegen nichts über seine Herkunft. Bei Matholwch war es genau umgekehrt. Letzterer berichtete nun Bran, unter welchen Umständen er den Kessel zum ersten Mal gesehen hatte.

Matholwch war in der Nähe von Iwerddon zur Jagd gewesen, als er an einen See kam. Zu seiner Ueberraschung sah er aus dem See einen riesigen, übel aussehenden Mann mit einer feurig roten Mähne herauskommen. Auf seinen breiten Rücken trug er einen grossen, schweren Kupferkessel. Gleich hinter ihm tauchte eine Frau von doppeltem Wuchs wie der Mann ebenfalls aus den Wellen hervor. Auf den ersten Blick sah man, dass sie hochschwanger war. Als Matholwch den Riesen in ein Gespräch verwickelte, erfuhr er, daß die Frau in sechs Wochen einen Krieger in voller Rüstung gebären werde.

Ihrem Aussehen nach, gehörten die beiden ohne Zweifel einem mythischen Geschlecht der keltischen Vorzeit an, das unter dem See oder noch tiefer unter dem Grund lebte. Eine Anspielung auf die Fomori - noch immer im Besitz des Kessels - ist zumindest nicht sofort zu streichen. Man könnte aber jenen "vollgerüsteten Krieger", den die Frau nahe dran war zur Welt zu bringen, als den Bringer der Eisenzeit interpretieren.

Matholwch bittet die beiden, auf eine Weile seine Gäste zu sein und er bewirtet sie gut. Nach einem Jahr des Aufenthaltes an Matholwchs Hof werden die Gäste jedoch aufsässig und sie verletzen die Iren mit Kränkungen und Hohn. Das Volk beschließt den beiden Riesen ein eisernes Haus zu bauen, in dem sie sie bewirten und betrunken machen wollten um sie dann wie in einem riesigen Ofen zu verbrennen. Allein, die beiden Riesen brechen aus dem glühenden Haus aus und überlassen ihre eigenen Kinder den Flammen. Der Rothaarige greift den Kessel, lädt ihn sich wieder auf seinen Rücken und ergreift mit der Frau die Flucht durch die Irische See hinüber nach Wales. Dort werden sie von Bran empfangen, dem sie den Kessel infolge schenken.

In der Sage geht nirgends die Rede davon, dass die Besitzer des Kessels die Leute um sich speisten, so daß man davon ausgehen kann, daß seine vorherige Funktion erloschen war und dem Kessel nunmehr eine neue zukam. Waren die zwei brachialen Riesen sozusagen als Abgesandte der alten Zeit gleichsam die Vorboten einer neuen Epoche, in der der Kessel zur symbolischen Bestimmung wurde ? Mit der Figur der Branwen geht die matriarchalische Aera ihrem Ende entgegen und die Vorherrschaft des Mannes beginnt. Der Kessel der Wiedergeburt steht zwar noch als Symbol des Mütterlichen, doch als Wiederbelebung der Krieger kommt unweigerlich das männliche Attribut ins Spiel.

Matholwchs Schilderung veranlasst Bran seinerseits dem Gast nunmehr auch das Geheimnis des Kessels zu verraten. Das Geheimnis war die Funktion des Kessels, Tote wieder zum Leben zu erwecken, also bei einer Schlacht nie auf sein Heer verzichten zu müssen, quasi unbesiegbar zu sein. Es gab nur eine Nebenerscheinung: nachdem der Tote ein Bad im Kessel genommen hatte, wurde er zwar wieder lebendig, verlor aber die Sprache. Jeder konnte beliebig oft auf diese Weise durch den Kessel "wiedergeboren" werden.

Wiederbelebung der Krieger

Matholwch reist mit seinem Wiedergutmachungsgeschenk und seiner Braut Branwen zurück nach Irland. Wie wir aus der Legende um Branwen und Bran wissen, war es Brans Bruder Ev-Nissyen, der die Funktion des Kessels korrumpierte indem er als noch Lebender hineinkam und somit sich selbst und den Kessel zerstörte.

Steht Ev-Nissyen als die Erkenntnis, daß der Kessel der Wiedergeburt nicht mehr glaubhaft war, daß es nicht des Todes bedurfte um eine neue Bewusstseinsstufe zu erreichen ? Der Mensch erkannte offenbar seine irdische Begrenzheit, seine Endlichkeit, seine Sterblichkeit, die ihm neu eröffneten Möglichkeiten seine Seele zu erweitern, zu entfalten und Wissen zu erringen.

Und die Vermittlung des Wisssens war denn auch die dritte Variante des Kesselmythos. Zwar wurde diese Geschichte des Mabinogion (12. Jh.) lange nach "den vier Zweigen" erst im 17. Jh. niedergeschrieben, sie stammt aber ohne Zweifel aus sehr viel früheren Zeiten.(siehe auch: Taliesin - Henne und Weizenkorn) In dieser Version steht der Kessel zwar als Spender der Spiritualität und des universalen Wissens, allein er lehnt von den Verwandlungen des Taliesin her doch noch an seine vorige Bestimmung der Wiedergeburt an.

Die Sagen um den Wunderkessel haben zahlreiche Nebenvarianten bewirkt. So z.B. die von König Cormac und seinem Becher der Wahrheit, den er von einem Besuch in die Anderswelt mitbrachte, ein Geschenk von Manannaun. Dieser Becher zerbarst immer dann, wenn in seiner Nähe jemand log und setzte sich erneut zusammen, wenn jemand die Wahrheit sagte. Der Seereisende Tagd brachte von einer seiner Reisen eine grüne Schale mit, in der sich Wasser in Wein verwandelte (eine sehr frühe Anspielung auf den Gral und das letze Abendmahl Christi).

Artus versuchte des Kessels habhaft zu werden und kam mit dem Kessel und seinem magischen Schwert nach Britannien zurück.

In der Anderswelt "Land der Freuden" gab es einen Kessel der Wahrheit, der nur demjenigen das Essen kochte, der reinen Gewissens war und vom Kessel als würdig anerkannt wurde.

Obwohl der ursprüngliche Zauberkessel nach Dagda, nach Bran und Matholwch und nach Keridwen nicht mehr in der Mythologie auftauchte, so entdeckte ihn die höfische Ritterliteratur im 12. und 13. Jh. in Form eines Kelches neu. Die Rede ist von jenem Kelch, in dem Jesus beim letzten Abendmahl Wasser in Wein(siehe weiter oben) verwandelte, der Kelch den Joseph von Arimathia unter dem Kreuz benutzte um das Blut des Erlösern aufzufangen und den er nach seiner Befreiung aus dem Verließ nach Wales brachte - den Kelch der Nahrung, der Wiedergeburt und der Erleuchtung: der heilige Gral. Zeitweilig wurde er in der Gralsburg, in einem See in tiefen Wäldern aufbewahrt, zeitweise in einer anderen Gralsburg in einer unfruchtbaren Einöde. Den Auserwählten spendete er Nahrung, Genesung, ewiges Leben und tiefe Erleuchtung.

Von der Symbolik her sind wir wieder am Ausgangspunkt angelangt, bei den Attributen der alten keltischen Religion, den Wäldern und den Bäumen, den Seen und den Anderswelten, die in der Gralslegende als jenseitige Burgen dargestellt werden. Der Kessel der Thuata Dé Danann ist also doch wieder aufgetaucht und hat eine neue-alte Funktion wieder aufgenommen.

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(1+2) Die Erde wird hier nicht als die gesamte Erde verstanden, sondern als die Mutter Irlands und steht genau wie die Kuh als Symbol der Weiblichkeit und Mütterlichkeit.

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