Schamanen und Nomaden

Die Skythen - bis heute eines der wenigen nachweisbaren Völker dieser Region - gelten sozusagen als Nachbarn der sagenumwobenen Hyperboräer (Hyperboräa > oft verglichen mit den nicht minder legendären Altlantis und Lemuria >Mu) und zweier ebenso mysteriöser Völker, die von den beiden Griechen Aristeas und Damastes mit den Namen Issedonen und Arimaspen bezeichnet wurden. Diese Völker seien im oder um das Altaigebirge angesiedelt gewesen, jener Bergwelt, in der an geheimgehaltenem Ort die Weisheit, die Shambala aufbewahrt wurde und noch heute von weisen Schamanen behütet werden soll.

Hyperboräa (gr. Hyperboreoi, > hyper <> Gedicht über die Arimaspen) des sowohl umstrittenen als auch mysteriösen griechischen Apollopriesters und Reisenden Aristeas (3) aus Prokonnessus, Sohn des Kaystrobius, geben Auskunft über seine Suche nach dem Heimatland Apollos. Seine Reise führte den Apolloverehrer offenbar zuerst in die Gegend des Balchaschsees und dann noch darüber hinaus. Seine bruchstückhaft erhaltenen Berichte weisen auf jene Sage, die sich mit der Dsungarischen Pforte befaßt, jener "Höhle, aus der eisige Winde wehen".
Bei Aristeas wurde diese "Höhle" zum Tor zu Hyperboräa - dem Angelpunkt der Welt, einem mythischen Volk und Land in den Altaigebirgen.

Herodot
"Auch berichtet Aristeas ...er wäre, von Phöbius(Apollo) begeistert, zu den Issedonen gekommen; über den Issedonen aber wohnten die Arismaspen, Männer mit einem Auge, und über diesen die goldbewachenden Greifen, über diesen aber die Hyperboräer, welche bis zum nördlichen Meer sich hinziehen".
Die Arimaspen hätten die Issedonen aus ihrem Land verdrängt und letztere die Skythen. Diese wiederum hätten die an den südlichen Meeren wohnenden Kimmerer verdrängt. Lediglich die Hyperboräer hätten laut Aristeas nie Krieg gegen Nachbarn geführt.


Fast identisch mit denen des Aristeas sind die Kommentare, die der griechische Geograph Damastes ein halbes Jahtausend vor Strabo, also fast zu Herodots Zeiten, auf seiner Erdkarte eintrug: " Jenseits der Skythen sollen die Issedonen wohnen und hinter diesen wiederum die Arimaspen, das Volk der Goldgruben und Greifen. Ihre Wohnstätten lehnen sich an die Rhipäischen Gebirge an, von denen die kalten Winde herunterwehen. Auf diesen Bergen soll der Schnee niemals schmelzen. Jenseits dieser Berge wohnen nur noch die Hyperboräer bis hin zu den Küsten des anderen Weltmeeres".


Über die goldbewachenden Greifen weiß auch Plinius in seiner Naturgeschichte zu berichten: "Nicht weit von den Gegenden, in denen sich der Nordostwind erhebt über einem Geklüft, das man auch den Angelpunkt der Welt nennt, leben Menschen im ständigen Kampf gegen gewaltige Raubvögel, die Greifen, die ihnen Zugang und Nutzung der Erzgruben streitig machen. Es sind unzähmbare Vögel, die selbst das Gold aus der Erde scharren und die Gruben, in denen dies geschieht, mit unerklärlicher Gier bewachen".

Strabo freilich erstellt dem Aristeas, der u.a. auch als Lehrer von Homer gilt, kein allzu gutes Zeugnis: "...der Verfasser der sogenannten Arimaspischen Gesänge, ein Betrüger wie kein anderer".
Wie dem auch sei, zwischen den damaligen Reisenden und Geschichtsschreibern herrschte offenbar auch nicht immer Eintracht, eine Gepflogenheit, die sich bis heute gehalten zu haben scheint. Auch fand ich bei Strabo weiter keinen Hinweis auf den Damastes, dem Strabo dann wohl ein ähnliches Zeugnis ausgestellt hätte ? Es sei denn, der mysteriöse Aristeas hat von Damastes abgekupfert. Letzterer gilt als seriöse und hatte seine Informationen ähnlich wie Herodot aus den Berichten und Erzählungen der Handelsreisenden gesammelt und hatte - ebenfalls wie Herodot - schon Kunde vom Pazifik, der im Gegensatz zum Indischen- und Ostatlantischen Ozean zu diesen Zeiten kaum bekannt war.

Der Pazifik wurde erst durch die Eroberungsausflüge eines Alexander des Grossen ein Begriff und - durch die Erschließung des indischen Subkontinents durch die Handlungsreisenden - in den Berichten derselben erstmals erwähnt.


Die (einäugigen) Arimaspen (Arimaspu - von Herodot aus dem "arimaspischen"
übersetzt: Arima > eins / Spu > Auge), - wenn sie denn nun kein mythologisches Volk gewesen sind, - könnten laut Herodots Schilderung nordwestlich des Altaigebirges angesiedelt werden, einem Land, in dem der Winter offenbar sehr lange vorhielt: "...daß dort acht Monate lang eine ganz unerträgliche Kälte herrscht, bei der man mit ausgeschüttetem Wasser keinen Kot bewirken wird."

Diese Beschreibung der "Einäugigen" und später, die Schilderung der "Menschen mit Ziegenfüßen" erinnern stark an den irischen Besiedlungmythos und die darin vorkommenden Fomori (einäugige, einarmige Wesen mit Tierköpfen), ergo mythische Wesen oder Stammbewohner, die mangels genauer Angaben über ihre tatsächliche Kultur in der überlieferten Schilderungen mystifiziert oder mythologisiert wurden ?
Wenn die Arimaspen auch weiterhin mythisch bleiben, so werden die Issedonen in chinesischen Quellen mit den Wu-sun identifiziert, "Hirtennomaden ohne Acker und Haus ... mit blauen Augen, vorspringenden Nasen und rotblonden Haaren/Bärten".

Grabfunde in altaischen Kurganen (Grabhügeln) scheinen zu belegen, daß die Issedonen rituellen Kannibalismus praktizierten. Dies deckt sich einigermaßen mit den herodotschen Androphagen (weiter unten), die er als Menschenfresser nördlich des Borysthenes schildert.
Auf der Flucht vor Unterjochung durch u.a. Stämme wie die Yüe-tschi als auch den Hsiung-nu (die frühen Hunnen) flüchteten die Issedonen gegen 200 v.u.Z. in die Gegend des Balchaschsees und besiedelten später den von den Saken aufgegebenen Landstrich - das sogenannte IIi-Tal.
Es wird vermutet, dass Issedonen-Gruppen in Richtung Südrussland gewandert sind, wo sie als Alanen wieder auftauchten (U-sun = U-lun, da s und l in dieser Sprache wechselten?). und/oder mit den Arschi aus dem Karachar/Tarimbecken identisch sind (Orsun bzw. Arschi = Wu-sun).

Um in diesen Wu-sun die Skythen wieder zu erkennen, müssen wir wiederum Herodot zu Rate ziehen, der - wenn auch diesmal nicht ohne Phantasie - einiges über goldgrabende Ameisen zu berichten weiß - Informationen, die er von persischen Handlungsreisenden erhalten haben soll.
"Die kriegerischsten aller indischen Stämme wohnen nördlich der Stadt Kaspatyros (am Kabulfluss) und widmen sich in besonderem Maße der Goldgewinnung. In Ihrer Gegend ist nämlich eine Sandwüste (möglicherweise meinte er die Wüste Gobi ? siehe hierzu auch: Sagen -Der Greif) und in dieser Wüste leben außergewöhnlich große Ameisen. Sie sind zwar kleiner als Hunde aber mit Sicherheit größer als Füchse (...) Diese Ameisen werfen beim Bau ihrer unterirdischen Wohnungen den Sand mit Kraft auf (...) Der in dieser Wüste aufgeworfene Sand ist jedoch goldhaltig, und um ihn zu gewinnen, ziehen die Inder dieser Stämme mit Karawanen in die Wüste. (...) um den Ameisen das Gold rauben".
Da diese Riesenameisen die Räuber nicht ungeschoren ließen, sondern sie angriffen und verfolgten (wobei sie schneller sind als jedes andere Tier > Herodot) mussten die flüchtenden Räuber zu Tricks greifen (deren Schilderung hier freilich den Rahmen des Artikels sprengen würde) um diesen aufgebrachten Ameisen zu entkommen.
Nicht alle Räuber entkamen und die gebleichten Knochen der Toten finden sich noch immer in der Wüste und zwar in vor dem Flugsand geschützten Gräbern. Nach Rekonstruktionen und genetischen Tests ergab sich eine Beschreibung, die jener der Chinesen über die Wu-sun ziemlich genau entspricht und noch um einige wichtige Details ergänzt wird. Die begrabenen Goldräuber hatten blonde Haare und stark hervorspringende Nasen. Ihre Kleidung bestand aus nach oben spitz zulaufenden Kopfbedeckungen, Kaftanen und Stiefeln aus weichem Leder. Geschmückt waren sie mit goldenen Anhängern in der Form von Greifen.

Nach Vergleichen mit den Gipsfiguren aus Memphis kam man zu dem Schluss, dass es sich bei diesen Menschen um die skythischen Leibgardisten des Pharaos Apries gehandelt haben könnte.

(Apries > Haa-ib-Ra > ägypt. Pharao der 26. Dynastie > Regentzeit von 588-569 vuZ)
Dass die skythischen Elitekrieger gerne als Söldner in königliche Dienste traten und dies sowohl bei den Römern, in Griechenland als auch im Zweistromland und Aegypten ist historisch und archäologisch belegt (siehe weiter unten). Die legendären und ihrem Ruf nach schier unerschöpflichen Goldreserven der Aegypter wurden offenbar auch aus der Region des kalten Nordostwindes, dem Angelpunkt der Welt gespeist und dort den grabenden Ameisen und wachenden Greifen abgerungen. Die Beute wurde von ortskundigen Söldnern, auch noch Kulturheroen genannt (skythischen Elitekriegern), nach Westen gebracht, vielleicht im Dienste des Pharaos, der den dauernden Goldnachfragen von Herrschern aus Nachbarreichen offenbar nicht mehr nachkommen konnte.


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Anm.d.A.:
Goldbaggernde Greifen und Ameisen, die sich zudem selbstständig gegen Räuber erwehren rufen nach einer Deutung. Sie ist womöglich recht banal und verbirgt hinter einer Verballhornung, bzw. Allegorie, die die Überlieferung illustrierte.
Emsige Ameisen gelten heute noch als Synonym für fleißig arbeitenden Menschen oder schuftende Sklaven, derweil der Greif in seiner Gefährlichkeit und Effektivität auch heute noch Synonym ist für Schutz und Abwehr. Nicht umsonst erhielt der polizeiliche Fahnder - abgeleitet vom Verb greifen - den Spitznamen Greifer, Verteidiger der Rechte, wie der Greif als Verteidiger seines Goldes. Sind ergo die Greifen identisch mit den Arimaspen, gar den Hyperboräern ? Oder waren die Arimaspen lediglich die ausführenden Kräfte einer höheren sozialen Kaste, jener der Hyperborärer und die mysteriösen Ameisen möglicherweise versklavte Gefangene, die ihre Fron in den Goldgruben der Wüste und der Gebirge ableisteten?

Auch wenn wir nunmehr die Präsenz von Skythen alias Issedonen, alias Wu-sun im Eldorado des Altai, im pakistanischen Hochland mehr oder weniger bestätigt haben, lüftet sich jedoch nicht das Rätsel um die Arimaspen, die laut Herodot zudem noch den Kannibalismus praktiziert haben sollen. Diese seine Behauptung deckt sich jedoch einigermaßen mit seinen Schilderungen über die Androphagen (weiter unten), die er als Menschenfresser nördlich des Borysthenes schildert. Freilich sollte man den Begriff Kannibalismus nicht unbedingt wortwörtlich mit Menschenfresser übersetzen. Es könnte sich bei diesem Kannibalismus auch um eine übertriebene Schilderung des Kopfkultes und/oder einiger ritueller, kannibalistisch anmutender Opfermanifestationen gehandelt haben. Dass sich die Arimaspen von Menschenfleisch ernährten, darf man bezweifeln. Aber so ganz sicher lässt sich das auch wiederum nicht behaupten.

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Herodot beschreibt auf seinen Reisen nach Nordosten Völker, die sich laut ihm deutlich von den Skythen unterscheiden. Hinter dem Fluß Tanais ende das skythische Land und es beginne auf einer Strecken "von fünfzehn Tagesreisen" ein kahles, baumloses Land, das von den Sauromaten bewohnt sei.
In dem anschließenden Landstrich, in dem üppiger Waldbestand war, lebten laut Herodot die Budinen. An dieses Land angeschlossen, breite sich eine Wüste aus und noch weiter nördlich lebten noch Jägerstämme.
Eigentümlich und interessant wirken Herodots Schilderungen von noch weiter nördlich und am "Fuße hoher Berge (lebenden) Menschen, welche von der Geburt an kahlköpfig sein sollen, und zwar Männer wie Frauen...". Dieses kleine Volk, die er Argippäer nennt, wurden von Forschern als Kalmükken, einen mongolischen Stamm erkannt, der erwiesenermaßen in jener Gegend, offensichtlich am Fuße der Ural gelebt hat.
Laut Herodot haben die Menschen "auf einem guten fetten Boden von den Bäumen gelebt",(1)unter denen sie wohnten und von deren Früchten sie sich ernährten - eine Art Dattel, aus deren Inhalten sie u.a. in Verbindung mit Milch ihre Nahrung herstellten.
"Kein Mensch tut diesen ein Leid an, denn sie gelten für heilig. Auch haben sie keine kriegerische Waffe; dabei sind sie es, welche die Streitigkeiten der Nachbarn schlichten und wer zu ihnen als Flüchtling entkommen ist, dem tut niemand etwas zuleide".
Die eremitenhafte Lebensweise dieser Argippäer (Herodot), die weder in Höhlen noch in Bauten lebten, sondern unter Bäumen, über deren Geäst sie im Winter Tuch spannten, sowie ihr besonderer Status, lassen Spekulationen auf "heilige Menschen" zu, die man ggf. als Weise, u.U. sogar als Schamanen bezeichnen könnte.
Ihre Physiognomie weist auf mongoloide Abstammung hin (stumpfnasig und haben ein großes Kinn). Ihre Sprache war Herodot unbekannt.
Zu diesen Argippäern kamen Leute aus der weiten Region, die bis hinunter zum Borysthenes (Handelsplatz am gleichnamigen Fluß) und sogar einigen Handelszentren am Schwarzen Meer reicht und weiter westlich noch nördliche skythische Besiedlungsgebiete miteinbezieht.

Weiter nördlich jener Argippäer ragen unzugängliche Berge auf und Herodot gibt von den Bewohnern "dahinter" nur das wieder, was er von Hörensagen in Erfahrung gebracht hat. In jenen unwegsamen Regionen sollen Menschen mit Ziegenfüßen leben und solche die wintersüber sechs Monate schlafen, "was ich aber nicht glauben kann", so Herodot.(2)
Ostwärts der "Kahlköpfigen" lebten die Issedonen, die ihrerseits eine Art Kopfkult praktizieren, von dem der Menschenkopfkult der Skythen abgewandelt worden sein könnte. Weiterhin wird in einigen ihrer Rituale anscheinend ein praktizierter Kannibalismus erkannt.
Über die hinter den Issedonen und noch weiter hinter den Arimaspen lebenden Hyperboräern äußert sich Herodot nicht ohne eine gewisse Skepsis.
Er berichtet von heiligen, in Stroh eingewickelten Goldspenden der Hyperboräer an den Artemis-Tempel in Delos. Die Gaben seien von zwei hyperboräischen Jungfrauen (Hyperoche und Laodice) und ihren fünf Begleiter/Beschützer, den sogenannten Perpherer auf einer langen Wanderung jährlich dorthin gebracht wurden.
Über den "fliegenden Schamanen Abaris" (4) meint Herodot:
"Über die hyperboräischen Menschen wissen weder die Skythen noch andere der dort wohnenden Völker etwas anzugeben, außer die Issedonen; wie ich glaube, wissen auch sie nichts darüber anzugeben, denn sonst würden es auch die Skythen erzählen, so gut, wie sie von den Einäugigen erzählen (...) denn von Abaris, der auch als Hyperboräer bezeichnet wird, erzähle ich die Sage nicht, wonach der mit seinem Pfeil herumgezogen auf der ganzen Erde ist, ohne irgendetwas zu genießen (...) Wohl aber muß ich lachen, wenn ich sehe, wie schon viele den Umkreis der Erde gezeichnet haben ohne allen Verstand, indem sie den Oceanus in ihrer Zeichnung rings um die Erde fließen lassen ... und Asien Europa gleich machen".

Einmal abgesehen von seinen Wiedergaben von Hörensagen über die menschenfressenden Androphagen (siehe oben: die Issedonen) weit nordöstlich des Borysthenes, deren Wohnsitze sich (wenn es sie denn gegeben hat) heute nur kaum noch festlegen lassen, - einmal abgesehen von seinen Schilderungen der Melanchlänen, die sich in weite schwarze Gewande kleideten und heute als die Urtämme der Menschen in Curland, Livland und Esthland gelten - so bleiben die kahlköpfigen Argippäer als denkbare schamanistisch zu identifizierende Menschen in Erinnerung. Vergleichbar den aktuelleren Schamanen, die mit Trommel und Klingel ausgerüstet ihrer Bestimmung nachkommen, könnten sie auch als Vorfahren der "kahlköpfigen Lamas" durchgehen, die - wie es heißt - noch heute "dort oben die Weisheit behüten".
Womit wir wieder beim Thema "Altai-Schamanismus" angelangt sind.

Geoffrey Ashe:
„Das paßt sehr gut, denn der Schamanismus der Altai-Region gilt als besonders wirksame und einflußreiche Variante“.

Jean Markale:
„Der Schamanismus ist im östlichen Asien bei als asiatisch geltenden Völkern ebenso beheimatet wie in den sibirischen Regionen mit indoeuropäischer Bevölkerung.(...) Gesichert ist ferner, daß der Schamanismus mit der Zivilisation der Skythen im Zusammenhang steht.(...) Die Verbindung der Kelten (und Germanen) mit den Skythen muß hier nicht mehr eigens nachgewiesen werden.“

Geht man davon aus, daß jedwede Präsenz einer fremden Zivilisation in einer anderen dort ihre Spuren hinterläßt, so läßt sich aufgrund des Prinzips der Ursache-Wirkung und der daran angliedernden logischen Streuung ohne weiteres die Vermutung aufstellen, daß die Verbreitung des östlichen Schamanismus (wo immer genau auch seine Wiege gelegen haben mag) sich wie eine zwar langsame, aber dafür nachhaltige Strömung vom pazifischen bis zum atlantischen Ozean erstreckt haben könnte. Durch die Interaktivität unter den sich begegnenden Völkern ist es, so J.Markale: „... kaum denkbar, daß sie sich nicht gegenseitig beeinflußt hätten“.
Die Aspekte der indoeuropäischen und anderer, sogenannter naturmystischer Glaubensstrukturen findet man weltweit in zahlreichen Weltanschauungen, Kulten und technischen Praktiken vieler Schamanen - sogar in den Kulturen Afrikas. Die schamanistische Entrückung oder die Metamorphose gelten als die tiefsten mystischen Erfahrungen, die der Praktikant einer archaischen Religion erleben kann.

Inzwischen gilt es als unumstritten, daß westlicherseits die Phoeniker, Wikinger und Kelten lange vor Columbus ihre Kultur nach "Übersee" exportierten und damit wohl auch eine Mischung aus eigenem und „ererbten Schamanismus" (siehe auch: Celtica – Kelten, Geschichte und Kultur/Seefahrt)
Belegt ist mittlerweile auch, daß die Chinesen (direkte Nachbarn des legendären Hyperboräa und im Einfallgebiet ihres Einflußes) ebenfalls lange vor Columbus östlicherseits ihre Kultur nach derselben „Übersee“ exportierten. Zieht man die Wanderungen über die nördliche Beringstraße noch zusätzlich dazu in Betracht, dann müßte man wohl schon den Kopf in den Sand stecken um leugnen zu können, daß auch die amerikanische Urbevölkerung ihre Erbschaft an Schamanismus erhalten haben wird.
Auf die Möglichkeiten, die sich aus Landbrücken und Ismen ergeben, die heute noch nachweisbar sind, muß man dann nicht mehr eigens eingehen.

Hyperboräa und Ultima Thule

Im 4. Jh.v.u.Z. setzte der phokäische Seefahrer Pytheas in Massilia(Marseilles) die Segel und machte sich auf den Weg jenes „nordische Land“ zu finden. Er war offenbar der festen Meinung es auch tatsächlich gefunden zu haben, wobei er wahrscheinlich aber Island sah und aufgrund seiner Schilderungen offenbar auch das ominöse Tote Meer gefunden hatte. Mit ihm reiste der Sizilier Diodor. Dieser berichtet, daß Pytheas nicht überrascht gewesen sei, auf der Insel Albion(Britannien) einen Apollokult vorgefunden zu haben (womit er möglicherweise Stonehenge meinte), der dem griechischen nicht unähnlich sei. Ein Bestandteil der Apollosagen besagt, daß der griechische Gott alle 19 Jahre nach Stonehenge(?) gehe.
Dies läßt laut J. Markale die verschiedensten Spekulationen zu.
„Es handelt sich bei den neunzehn Jahren nämlich um einen Zyklus, an dessen Ende sich Mond- und Sonnenkalender decken (...) Die Zusammenhänge bleiben ... ziemlich rätselhaft“.
Strabo geht mit Pytheas zu Gericht:
"Die genaueren Grenzen (zu dem Land hinter den boräischen Winden) aber können wir nicht angeben. Wegen der Unbekanntschaft mit diesen Gegenden hielt man diejenigen, welche von den Rhipäischen Bergen und Hyperboreern fabelten, für glaubwürdig, sowie alles, was der Massaliote Pytheas über die Küste des Ozeans gelogen hat, indem er sich seiner astronomischen und mathematischen Kenntnisse als Deckmantel bediente."
Über Pytheas irrt sich der rational urteilende Strabo, denn die "seemännischen Angaben" des Pytheas sind heute bestätigt und belegen zum Teil seine Reise entlang der europäischen Küste bis hinauf ins Nordmeer.

Pytheas Reisebegleiter Diodor stellt eine Beziehung zwischen den Briteninseln und dem Kult von Delphi her, da Apollos Mutter Latona/Leto laut Diodor aus Albion stamme.
Die Verwobenheit der europäischen mit der nordöstlichen Mystik ist unübersehbar und zu redlichem Versuchen der Beweisführung von Verbindungen gesellt sich die esoterische Spekulation, die nicht selten die skurillsten Früchte trägt.
So zum Beispiel die Theorie der „hohlen Erde“, die heute noch heute ziemlich „atlantisch“ diskutiert wird und eigentlich wiederum auf eine sehr alte griechische Sage zurückzuführen ist. Diese Sage berichtet, daß die „Bewohner der Untererde“ den Menschen auf der Oberfläche die Gaben für Delphi - das Wissen und die Spiritualität - geschenkt hätten. Mit den Bewohnern der Untererde meinten die Griechen – so wird angenommen – ebenfalls die Hyperboräer.

Thesen und Spekulationen stellen Hyperboräa und jenes myteriöse Thule gleich, das eigentlich die absolut nördliche Grenze symbolisiert, laut E.R. Carmin aber im Tibet liegen soll und in Sachen Schamanismus als Maßstab gelte.
Wie dem auch sei, der Name Thule hat einigen Reiz und bietet die Möglichkeit einer spekulativen Deutung, besonders wenn man ihn in Verbindung mit Borea(s) bringt. In Bezug auf diese beiden Namen, oder in unseren Fall zwei Ortsbezeichnungen, gibt es vergleichsweise weniger mystische, dafür aber umso realistischer anmutende Interpretationen, die allerdings nur ethymologisch gedeutet sind.
Boreas(Borysthenes) ist ein genau zu lokalisierender Fluß, und zwar der Djnepr, der erwiesenermaßen von alten nordischen Stämmen (auch den Wikingern ?) als Schifffahrtsweg für den Handel und den Transport genutzt wurde. Die Menschen "jenseits des Nordwindes" könnten also hypothetisch ebensogut von jenseits des Flußes Boreas herkommen oder auf ihren Wanderungen dort zwischengesiedelt haben ? Entsprechende Funde weisen darauf hin, obgleich sie nicht genau als skythischen Ursprungs definiert werden konnten.
Thule könnte auch ethymologische Wurzeln in Rußland haben und zwar könnte es eine der ältesten russischen Städte im Quellgebiet des Don mit dem Namen "Tula" sein ?
"Ultima Thule“ war eine persönliche Notiz des Seefahrer Pytheas und verweist sinnbildlich nach "der obersten Grenze". Allerdings gibt es „dort oben“ in Grönland wiederum auch einen Ort der Thule heißt, heute u.a. eine militärische Niederlassung der Dänen. Man darf sich nun vorwitzig fragen, auf welchen Wurzeln dieser Ortsname gründet. Zudem ist die Frage berechtigt, warum man in der, von den Griechen bewahrten keltischen Sage des Gottes Bran wiederum Grönland begegnet, wohin Bran von seinem Sohn verbannt worden sein soll.
Wie dem auch sei, vieles bleibt verführerische Spekulation, die, läßt man die Sachlichkeit einmal beiseite, sehr schnell in manchmal haarsträubenden Theorien münden kann.
Was aus dem zwar spekulativen, teils historisch und ethnologisch belegten Puzzle von griechischen, hyperboräischen, skythischen und keltischen Teilchen unübersehbar ins Auge springt, ist die offensichtliche und zumindest halbmythologische Verbindung all dieser Völker. Des weiteren spielen der Altai-Schamanismus und das in seinen frühesten Ursprüngen eher nordisch-europäisch ausgerichtete Druidentum in gegenseitiger Beeinflußung eine nicht zu ignorierende Rolle.

J. Markale:
„Es gibt somit zu viele Übereinstimmungen, als daß eine Verwandtschaft zwischen beiden Systemen geleugnet werden könnte. Diese Verwandtschaft hat tiefe Wurzeln. Man müßte geradezu blind sein, um sie nicht zu sehen“.

Wer waren die Hyperboräer ? Die Skythen ? Ein proto-indoeuropäisches Volk, das sich, aus Osten von den Altaibergen kommend in einer Zeitspanne von Jahrtausenden während dem sogenannten Paganzeitalter (Mesolythikum) über den heutigen Iran und über das heutige Rußland hinweg bis nach Rom, Großbritannien und Irland ausbreitete und seine kriegerische und schamanistische Kultur wie Samengut auf seiner Wanderschaft streute ? Die Bringer der Shambala, der Weisheit, die in den Altaibergen von den dortigen Schamanen gehütet werden soll und hypothetisch im Druidentum der Kelten eine „veredelte Variante“ bewirkte, wie es gelegentlich angedeutet wird ?

Geoffrey Ashe:
„Stephen Jenkins, ein Besucher der Mongolei, machte ... eine seltsame Anmerkung: er berichtete, daß die Lamas von einer Art zweiten Shambala im keltischen Britannien gesprochen hätten“.


Mit den Stichwörtern Mongolei und Schambala rücken wieder jene "kahlköpfigen Heiligen" in den Blickwinkel, die Argippäer oder Kalmükken - " zu denen Menschen aus der ganzen Region kamen und denen niemand ein Leid zufügte". Als Hellene war Herodot ein realtiv rational denkender Mensch, und trotzdem scheinen seine Schilderungen schon damals jenen Menschen "etwas Bewsonderes" zuzugestehen.

J. Markale:
"Darin ist das Erbe der Skythen, die die kulturellen Mittler zwischen dem Osten und dem Westen in den nördlichen Breiten waren, noch deutlich zu spüren. Die griechischen Autoren der Antike hatten möglicherweise recht, wenn sie sowohl Kelten als auch Germanen dem vagen Begriff der "Hyperboräer" unterordneten und beide Völker miteinander verwechselten. Wenn dies auch nicht genau den Tatsachen entspricht, so bleibt es doch ein interessanter Hinweis".

George Hinge:
"Über die Lokalisierung der Urheimat der Indogermanen herrscht bekanntlich in der Forschung ein großer Dissens. Marija Gimbutas hat in einer Reihe von Arbeiten die Steppen nördlich des Schwarzen und Kaspischen Meeres als wahrscheinlichsten Ausgangspunkt befürwortet. Sie identifiziert die urindogermanische Kultur mit der nach den Bestattungen in Grabhügeln benannten Kurgankultur, die sich in drei sukzessiven Wellen ca. 4500-3000 v. Chr. über große Teile Europas verbreitet haben soll. Sie stellt sich eine Dichotomie zwischen vaterrechtlichen, nomadischen und primitiven Indogermanen auf der einen Seite und mutterrechtlichen, seßhaften und hoch entwickelten Alteuropäern auf der anderen Seite vor. Auch wenn diese ideologische Dimension keine allgemeine Zustimmung gefunden hat, ist das nördliche Schwarzmeergebiet noch heute der populärste Vorschlag."

Waren die Skythen und/oder Hyperboräer eine frühe Hochkultur, die eine weltweite Verbreitung fand ? Geht man davon aus, daß die chinesische Kultur schon zirka 4000 und die ägyptische schon 6000 Jahre alt sein soll und schon zirka 2000-1700 v.u.Z (China) und zirka 4000-4300 v.u.Z.(Ägypten) als Hochkulturen ausgewiesen werden, ihre Ursprünge ergo noch sehr viel weiter zurückliegen, dann scheint die Entwicklung der Skythen als "Wanderhochkultur" – so unvollständig und inkohärend sie auch erscheinen mag – durchaus als Deutung vertretbar zu sein.
Wie entwickelten sich die chinesische und ägyptische Kultur und wo lag ihr Ursprung ? Gab es eine europäische Urbevölkerung und wie kann man sie definieren ?
In solchen Fragen und den daraus resultierenden Vermutungen stehen noch Welten offen, da klaffen die Zeit- und Informationslöcher des Eiszeitalters und insbesondere des Mesolythikums, jener Zeitspanne von schätzungsweise 6-7000 Jahren ( 10000 bis zirka 3000 v.u.Z.), die man auch noch „das mythologische oder Pagan-Zeitalter" nennt, so daß der Fantasie, aber auch der redlichen Suche und Deutung fast keine Grenzen gesetzt sind.
Hinzu kommt die ziemlich weit verbreitete Ansicht, daß unsere Urahnen von vor der Eiszeit lediglich tumbe Jäger und Totschläger gewesen seien, die wild im Reigen gebumst hätten und kulturell kaum beleckt gewesen seien. Was dem wirklich so ? Könnten wir uns irren ? Wenn dem so gewesen wäre, wie bringt man Steinkonstrukte wie Stonehenge oder Newgrange usw. in Zusammenhang mit "steinzeitlicher Tumbheit". Wie - so darf man sich fragen - brachten es diese "Neanderthaler" fertig, präzise Kalender zu erstellen und dermaßen überwältigende Steinmassen zu transportieren und zu ajustieren, wenn sie lediglich grunzend durch die Steinzeit gelaufen sind ? Möglicherweise stimmt, was Zillmer sagt, daß es zu viele Lügen, Irtümer und wissentliche Verfälschungen, sogar Veröffentlichungsverbote gab, was unsere "graue Vorzeit" angeht.




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Anmerkung d.A.:
(1)In der Gegend in der dazumal die Argippäer lebten, erstreckt sich heute eine weite "Salzsteppe". Der Schluß liegt nahe, daß sich eine einst üppige Vegetation durch einen dramatischen Klimawandel zur heutigen Steppe verwandelt hat.
Die Radiokarbon-Analyse zeigte, daß die heutigen Bodenschichten etwa 800 Jahre alt sind. Die mittlere Schichte konnte nicht bestimmt werden, da jegliche organische Substanzen fehlten.
Die obere Grenze der schwarzen Erdschichte - des "fetten Bodens" - wurde hingegen mit 1.040 bis 1.050 n.u.Z. datiert und je tiefer man in diese schwarze Erdschichte eindrang, desto weiter zurück in der Zeitrechnung gelangte man - bis zu 4.000 Jahre.
Das bedeutet, daß sich das Klima hier vor etwa eintausend Jahren radikal verändert hat, was im Widerspruch zur bisherigen Annahme steht, daß sich das Klima in den süd-russischen Steppenregionen in den letzten fünf bis sechs Tausend Jahren nicht verändert hat.

(2)Angesichts der enormen Kälte dieser Region und in Anbetracht der Urtümlichkeit noch so mancher Völker, die in jenen Regionen gelebt haben mögen, kann man dieses "sechs Monate lang schlafen" nicht a priori als Fantasieprodukt oder mythische Sage abtun. Es ist durchaus denkbar (wenn auch unbestätigt), daß die Bewohner dieser Region - um die kälteste Jahreszeit überhaupt zu überleben - einen, manchen Tierspezies ähnlichen "WInterschlaf" hielten (auf organischer Sparflamme lebten) und zwischendurch mit angepaßter und mäßiger Nahrungsaufnahme ihren Organismus und Energiehaushalt funktionnell hielten.


(3) Aristeas wird auch als Magier bezeichnet und als Schamane. Als glühender Verehrer Appollos genießt er freilich bei Strabo keinen guten Ruf, während ihn Herodot mit vorsichtiger Distanz behandelt.
Seinen Ruf als Schamane oder als Magier erhielt Aristeas aufgrund seines plötzlichen Todes während einem Besuch in seiner Heimatstadt Prokonnesos. Derweil der Zeuge seines Todes die Nachricht in der Stadt verbreitete, berichtete ihm ein Reisender, er habe Aristeas auf dem Weg nach Kyzikos gegtroffen und mit ihm geredet. Eine Kontrolle am Todesort ergab, daß tatsächlich keine Leiche vorhanden war. "Sieben" Jahre später tauchte Aristeas wieder in Prokonnesos auf und verfaßte seine "Gedichte über die Arimaspen".
Kurz darauf verschwand er wieder und tauchte in Süditalien in Metapont auf, wo er den Einwohnern auftrug, dem Appollo einen Altar zu errichten, daneben eine Stele mit einem Raben und der Inschrift "Aristeas von Prokkonesos". Als die Metapontier offenbar beim Orakel von Delphi nachfragten, wurde ihnen dort durch die Priester Appollos die Erscheinung des Aristeas und der Auftrag bestätigt. Zu Herodots Zeiten stand der Altar und der Rabe noch auf der Agora von Metapont.

(4) Abaris taucht in zahlreichen Sagen auf, die sich jeweils in phantastischen Schilderungen überbieten. Seine Existenz ist möglicherweise rein mythologisch oder bezieht sich als Allegorie auf den personifierten Appollo, als dessen Intimus der Abaris auch noch bezeichnet wurde. Der "Hyperboräer" - wie er auch noch genannt wurde - floh vor einer in "Skythien" wütenden Seuche nach Griechenland. Dort rühmte er sich, von Apollon einen goldenen Pfeil erhalten zu haben, der ihm magische Kräfte verleihe. Der Pfeil versetze ihn in die Lage, sich unsichtbar zu machen, Krankheiten zu heilen und sogar (ähnlich einer Hexe auf ihrem Besen) durch die Lüfte zu fliegen, weshalb er zuweilen auch "der Luftwanderer" genannt wurde.
Zusätzlich diene der Pfeil ihm als Orakel (Zauberstab), welcher Prophezeiungen mache und Fragen beantworte.
Mit Hilfe dieses goldenen Pfeils, soll Abaris viele Länder bereist und dort Heilungen und andere Wunder bewirkt haben. Später soll er den magischen Pfeil seinem Schüler (oder Mitgelehrten) Pythagoras, Sohn des Mnesarchus (oder des Appollo), geschenkt haben, der ihn dafür als Dank in die pythagoräischen Mysterien und Zahlenreihen eingeweiht haben soll.
Einige behaupten, Pythagoras hätte ihm den Pfeil gestohlen. Wie Abaris ist auch Pythagoras bislang unbestätigt, obgleich er (oder vielmehr seine Schule oder sein Orden) weltweit für seine Zahlenreihen oder "pythagoräischen Mysterien" bekannt ist.

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