Die Karthager

Wenn ich von Phönikern redete, dann tat ich es bisher wohlgemerkt von Ost- und Ur-Phönizien, den Stadtstaaten an der östlichen Küste des Mittelmeeres, dort wo heute Israel und Libanon zu finden sind. Westphönizien nannte man die von den Ostphönizier im Laufe ihrer kolonialen Expansion eingerichteten Kolonien Karthago, Motye und anderen Handelsstützpunkten.

Während die Ostphönizier sich einen relativ guten Namen machten und erhielten, abgesehen davon, dass sie durch ihre Handelserfolge auch Neider auf den Plan riefen, gelang es den Karthagern nie, ihren selbst erworbenen schlechten Ruf abzulegen. Im Gegenteil bauten sie ihn durch eine extrem imperialistische Politik und eine brachiale Kriegsführung derart aus, daß sie fast ausnahmslos alle anderen Kriegsmächte des Mittelmeerraumes - allen voran Griechenland - zu ihren schlimmsten Feinden zählen konnten.
Was 814, bzw. 735 v.u.Z. mit einer kleinen und lange Jahre sehr armen Handelsniederlassung unter der Regie der Tochter des Königs Pigmalion aus Tyros, Elissa begann, entwickelte sich zu einer der zeitweise mächtigsten Handelsmetropolen und gefürchtesten Kriegsbastion des Mittelmeeres. Karthago kontrollierte sozusagen die westliche Hälfte des Mittelmeeres und wurde dadurch für die Griechen zum inbrünstig gehassten Hauptfeind. Ihnen war durch Karthago und das auf Sizilien praktisch gegenüberliegende Motye - zwischen denen die karthagische Flotte das Meer kontrollierten - der Weg nach Iberia versperrt, wo sie bislang ergiebigen und gewinnbringenden Handel betrieben hatten. Kriegerische Begegnungen auf See und auf sizilianischem Boden waren also eine vorhersehbare Konsequenz.


Indes hattte sich in Karthago eine neue Dynastie gebildet, die Magoniden unter dem als ersten König Kathagos bekannten Mago, wohl eher Feldherr als König. Zusätzlich zu der maroden und feudalimperialistischen Innenpolitik einer kleinen Clique der Reichsten, brachte Mago den Zwergstaat Kathago auf einen ausserordentlich agressiven aussenpolitischen Kurs. Die Seekriege u.a. und hauptsächlich gegen die Griechen und die Schlachten um die sizilianischen Stützpunkte zogen sich über Jahrhunderte. War Kathago schon vorher in gewissem Sinn ein Abtrünniger der phönizischen Tradition und des phönizischen Selbstverständnisses, so wurde es durch die weitere Entwicklung definitiv von der traditionellen friedlichen Rolle des phönizischen Händlers auf den Weg des bedenkenlosen Imperialismus samt militärischen Konsequenzen gedrängt. Obgleich sich Karthago als Reich sah, war es nur ein Zwergstaat, ein schmaler Streifen an Lybiens Mittelmeerküste, zwar mit gewaltsam errungenen Land im Rücken, darauf aber einer Urbevölkerung, die - unterdrückt und ausgebeutet - immer wieder zu Aufständen antraten. Vor sich hatten die Karthager das Meer und die verhassten Feinde, hinter sich die unberechenbaren Einheimischen und im Herzen eine der düstersten Religion jener Zeit.
Gewaltsamkeiten schienen an der Tagesordnung: politische Morde, Kreuzigungen von erfolglosen Feldherren, barbarische Behandlung von Sklaven und Untergebenen, rituelle Massenschlachtungen von Gefangenen, u.a. hunderten römischen Kriegsgefangenen, Opferung einer nicht schätzbaren Zahl von Kindern zu Ehren Baals und die Pflicht der Selbsttötung von geschlagenen Offizieren in der Schlacht, um nur einige Aspekte zu nennen. Die Mitte der kathagischen Zeit schien eines der dunkelsten Kapitel der Geschichte der Völker rund ums Mittelmeer zu sein.
Die Römer und Griechen eroberten Land und konsolidierten mehr oder weniger erfolgreich ihre Reiche. Die Karthager führten Krieg um Geld und Reichtum, hatten keine Nation vorzuweisen, die hinter ihnen stand und keine eigene Armee, die für sie kämpfte. Karthagos Streitmächte waren zu jeder Zeit immer gekaufte Söldner und zum Kampf gepreßte Gefangene oder Ueberläufer unter dem Kommando karthagischer Feldherren.
Als die erste Kraftprobe mit Rom fällig war und die sich, wie vorauszusehen war , 264 v.u.Z. an Sizilien entzündete, endete sie für Kathago in zutiefst beschämender Weise ausgerechnet zur See, wo sie jahrhundertelang die Vormacht besessen hatten. Zudem waren sie einem Feind unterlegen, der bis dato auf See zu den unerfahrendsten des ganzen Mittelmeerraumes gehörte: den Römern. Der erste punische Krieg dauerte 20 Jahre in denen die Römer erst lernen mußten, wie man see- und kampftüchtige Schiffe baute und bediente, von seemännischer Kriegstaktik ganz zu schweigen.


Der Krieg hatte Unsummen verschlungen und da nun die Soldkassen leer waren, kam es in Karthago zu einem Söldneraufstand der vom Vater des legendären Hannibal, Hamilkar Barkas niedergeschlagen wurde.
Desillusioniert und angewidert von der Politik seines Landes, zog er mit seinen Söhnen nach Iberia, wo er binnen kurzer Zeit ein eigenes Reich aufbaute. Hamilkar fiel 229 v.u.Z. in einer Schlacht und der damals 25jährige Hannibal trat seine Nachfolge an. Es wäre müßig hier über einen Feldherrn und Krieger zu berichten, der eigene Geschichte und eigene Mythen schrieb und dessen Leben und Wirken den Stoff für unzählige Legenden stellte. Seine Vision eines Weltreiches war eines Alexander würdig, allein er scheiterte nach der Eroberung eines sehr grossen Teils Italiens an der List und Kriegsführung eines Fabius, genannt
"Der Zauderer". Jener brachte mit einer ausgeklügelten Hinhaltetaktik das Hannibalsche Heer parktisch zum Stillstand. Zudem war Rom gegen Kathago gezogen und hatte dort einen überwältigenden Sieg über die kathagischen Truppen errungen. Hannibal wurde zurückberufen. In Karthago traf er auf den römischen Feldherrn Publius Cornelius Scipio und beide begegneten sich zu Friedesnverhandlungen. Sie scheiterten an Scipio und am folgenden Tag kam es vor der karthagischen Stadt Zama zur entscheidenden Schlacht. Hannibal unterlag und der zweite punische Krieg war zu Ende.
Karthago wurde das Opfer seiner eigenen Strategie und nach 40 Jahren römischer Knute boten sie ihren Tributherren Rom endlich die lang ersehnte Möglichkeit eines definitiven Schlages. Die letzte Belagerung Karthagos mündete in einer finalen Schlacht. Die Karthager hatten den Römern nichts mehr entgegen zu setzen. Es endete dort, wo alles begonne hatte: auf dem Byrsahügel, auf dem Elissa seinerzeit ihre Handelskolonie gegründet hatte.
Die letzten Kämpfer auf dem Byrsahügel gaben sich selbst dem Feuertod in einem kleinen Tempel - zu Ehren Baals, ihrem dunklen Gott.
M.A. Edey: "Karthago war in mehr als einer Hinsicht ein düsterer Ort, und sein Ende, so will es scheinen, entsprach im wesentlichen seiner Geschichte".

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