Treibgut

Sicher lernte der Mensch irgendwann schwimmen, womöglich aus Not oder auch aus Neugier, während einem Fischfang vom Ufer aus oder bei einem Rettungsveruch: aus Zufall, weil die Erfahrung des Schwimmens im Element ihm zu-fiel. Denkbar ist aber auch, dass schon die Vorgänger des Menschendiese Eigenschaft kannten, wie aufgrund von Studien des menschlichen Körpers (Reste von Schwimmhäuten) und aus der aussergewöhnlichen Fähigkeit der Babys und Kleinkinder, nämlich schon schwimmen und tauchen zu können, hervorgeht.
Ist es denkbar, dass schon der voreiszeitliche Hominide sich auch im Wasser wohl fühlte und die "Erinnerung daran" in den Neuronen sozusagen gespeichert lag, so daß die Neolithiker eigentlich nur noch darauf "gestossen" werden mussten ?

Ab wann der Mensch sich mit Hilfsmitteln aufs Wasser traute, ist bislang nicht bekannt, aber es mag bis zur auslaufenden Eiszeit zurückgehen, als die frühen Menschen auf ziemlich drastische Art und Weise mit den Elementen zu kämpfen und sich mit sintflutähnlichen Wassermassen auseinander zu setzen hatten. Zeugnisse aus jenen Tagen liegen womöglich tief unter diversen Erdschichten begraben, sind weggespült worden oder schlicht verrottet, so daß sich kaum rekonstruieren lässt, wann der Mensch die Fortbewegung auf Wasser entdeckte.
Die Archäologie fand die Ueberreste eines teilweise verrottenen Einbaums in einem Sumpf in den Niederlanden, den ältesten Fund dieser Kategorie überhaupt und datierte ihn auf zirka 6000 v.u.z. Dies besagt aber nicht, daß das ein verbindliches Zeitindiz dafür wäre, wann der Mensch die Fortbewegung auf dem Wasser entdeckte.
Die denkbar früheste Fortbewegungsmethode auf Wasser war zweifelsohne der schwimmende Baum oder sonstiges Treibgut. Die Neugier war geködert und
etwaige daraufhin erfolgende Versuche bestätigten die Annahme :"es schwimmt und mit ihm bleibe ich über Wasser".
Vom Baumstamm bis zum ersten primitiven Floß war es nur ein kleiner Schritt. An einen Baumstamm musste man sich festklammern und er bedurfte schon einiger Erfahrung um damit auch immer die Senkrechte zu halten und gleichzeitig noch lenken zu können. Das Zusammenbinden von mehreren Bäumen schaffte dann eine stabilere und breitere Plattform, auf der man sitzen konnte und sogar zu mehreren drauf Platz hatte. Das Zubehör wie Paddel, Stechstange oder sogar ein Ruder war eine pragmatische Entdeckung, die wahrscheinlich aus den Paddeln mit den Händen abgeleitet wurde.
Vom Floss zum Einbaum - einem ausgehöhlten Baumstamm - war ebenfalls ein langer Weg, der schon etliche Vorkenntnisse voraussetzte, z.B. die Erkenntnis, daß der Baum dadurch leichter wurde und sich ebenfalls leichter handhaben ließ. Das Aushöhlen selbst setzt eine gewisse handwerkliche Fähigkeit voraus, einmal von dem Handwerkzeug selbst abgesehen. Der Einbaum mußte zu einer Art Trog geformt werden, welcher das Wasser verdrängt und erst dadurch die Fähigkeit erhält, geradliniger zu treiben und ohne die willkürliche Drehung um sich selbst (wie beim Baumstamm) aufrecht zu schwimmen und dabei Lasten zu tragen. Die Formgebung der ersten Schiffe dürfte sehr viel später noch aus dieser Erfahrung abgeleitet worden sein.
Wasserfahrten auf Bäumen, Flössen oder in Einbäumen konnten logischerweise
nur dort entdeckt werden, wo es auch das entsprechende Material gab: Wälder. Dementsprechend gelten die Sumerer und Babylonier heute als zu den ersten gehörig, die schon sehr früh eine hoch entwickelte Schiffahrt betrieben und dies mit einer nicht geringen Anzahl von Schiffstypen.
Die Aegypter hingegen waren sehr arm an richtigen Wäldern und konnten allenfalls auf ihre Akazien zurückgreifen: ein zwar ausreichend hartes Holz, aber klein und verkrüppelt im Wuchs, so dass es sich zum Bauen von Flößen nur bedingt eigenete. Vom zusammengeflechteten Floß aus Krüppelhölzern kamen die Aegypter auf das Floss aus gebündelten Schilf- und Papyrusstauden, einerseits um vieles leichter als Baumstämme und biegsamer in der Verarbeitung. So mag man auch in Aegypten nicht vom treibenden Baumstamm auf die Schiffsfahrt gekommen sein, sondern vielleicht durch Treibgut in Form von Papyrussträuchen oder Schilfbündeln.


Bei Ihnen wie auch bei den Mesopotamiern beschränkte sich die frühe Schiffahrt auf Flüsse - in Mesopotamien der Euphrat und Tigris und in Aegypten der dortige Lebensspender Nil.
Als die Aegypter durch den Bau der Pyramiden und Tempel auch Bauholz benötigten, begann auf dem Nil der Transport mit grösseren und auffallend tragfähigen Schiffen, die grösstenteils aus dem einheimischen Akazienholz bestanden, das sie in engen Geflechten (Knüppel an Knüppel) zusammenbanden und mit Schilf und Papyrus einkleideten. Spätere Schiffstypen der Nilfahrt bestanden schon aus gefertigten Brettern, die nach Zimmermannsart mit Schwalben und Pflöcken aneinander befestigt waren. Trotzdem erwiesen sich diese puzzleartigen Schiffsbauten als leicht verwundbar und zerbrechlich, so daß sie sich allenfalls für die ruhige Flussfahrt eigeneten, für die Seefahrt aber untauglich waren.
Durch Kontakte während frühen zaghaften Seeexpeditionen um 4000-3000 v.u.Z. herum entlang der (heutigen) israelischen und libanesischen Küste, mögen wohl die einen Völker den anderen diese oder jene Schiffsbautechnik abgeschaut haben. Die findigen Aegypter erfanden eine Methode, mit der sie ihre Schiffe seetauglicher machten. Mit einer Tauverbindung über Vorder- und Achtersteven und einer Stange, die die Trossen wie eine Aderpresse mittschiffs durch Zu- und Aufdrehen spannen konnte, verbesserten sie die allgemeine Seetauglichkeit ihrer Schiffe, die zu der Zeit noch keinen Kiel und keine Spanten hattten.
Bald kam auch die Praxis - abgeleitet durch die Trogform des Einbaums - der Anfertigung von Booten aus wasserdichten Häuten und Geflecht auf, die um ein Holzgerüst oder Skelett befestigt und mit Werg, Harz oder ähnlichem Material abgedichtet wurden. Die Mesopotamier nannten ihre korbähnlichen, mehr oder weniger runden Paddelboote "Guffas". Offenbar waren dieselben Modelle noch im 19. Jh. im Gebrauch. Aehnliche Wasserfahrzeuge benutzten die frühen Kelten. Es waren in der Regel auf Holzskelette gezogene Häute, die mit Harz abgedichtet wurden. Ihre Boote waren schon früh seetauglich und sehr stabil, da sie über das fast unverwüstliche Eichenholz verfügten. Anfangs waren die keltischen "Curraghs" am Bug und am Heck spitz zulaufend, dann aber ging man auf ein Modell über, das lediglich einen leicht nach oben spitz zulaufenden Bug hatte.

Wir befinden uns noch immer weit vor der Zeitwende, möglicherweise im 4. oder 3. Jt. v.u.Z. herum und können eigentlich nur einigermassen logische Vermutungen anstellen. Das älteste Dokument, auf dem ein ägyptisches Flußboot aufgezeichnet wurde, ist ein Pergament, das auf 3400 v.u.Z datiert wird. Es zeigt ein aus Holz gefertigtes, bemerkenswert langes Boot mit mehreren langen Stangenrudern an jeder Seite, sowie den im Boot dargestellten Ruderern.
Auch wenn der Mensch schon sehr früh seine Kriege und Schlachten vom Land auf die See verlegte, so ist zu diesen Zeiten von kriegerischen Auseinandersetzungen und auch von einem regen Handel auf See nichts bekannt. Die Quellen sind auch recht spärlich und nicht immer zuverlässig. Anhand von Abbildungen auf Münzen, auf Wandmalereien, auf Keramikgegenständen, Mosaiken oder Tontäfelchen lassen sich wohl Rückschlüsse ziehen, allein diese Quellen wurden in der Regel von fachfremden Autoren angefertigt, so daß Details, wie vergleichende Maße oder die Echtheit der Darstellung selten zuverlässig waren.
Auf Tonscherben, die vor der ägäischen Küste gefunden wurden (datiert auf 3000 v.u.Z.) finden sich eingeritzte Darstellungen von leistungsfähigen niedrigen Bootstypen, mit denen man zweifellos schon zwischen Inseln verkehren konnte. Die Rudertechnik und hoch aufragende Vordersteven wird auf zahllosen Tonscherben und Gefässen wiedergegeben. Hierbei handelt es sich aber in der Regel um Zeugnisse, die ägäischer, minoischer oder ägyptischer Herkunft sind.


Die Aegypter gehören mit den Babyloniern, den Assyrern, Mykenern, den Aegäern und den Minoern zu den ersten Völkern, die die Künstenfahrt betrieben und mit den Kanaanäern (heutiger Libanon und Israel) schon um 3000 z.u.Z herum Handel pflegten, bzw. die kleinen Stadtstaaten der Kanaanäer überfielen, brandschatzten und zerstörten. Die Kanaanäer ihrerseits hatten Muße, die Schiffstypen ihrer Feinde, bzw. Handelspartner zu begutachten und ihre Erkenntnisse daraus in den eigenen Schiffsbau einfliessen zu lassen. Ueber den Schiffsbau der Kanaanäer, bzw. Phoeniker ist aus dieser Zeit soweit nichts bekannt. Dies besagt aber nicht, daß nicht auch sie schon damals die Küstenfahrt betrieben, auch wenn der Beginn ihrer nautischen Aktivitäten mangels Zeugnissen erst um 1500 v.u.Z. angesetzt wird.



Segelschiffe


Am Anfang nach der Entdeckung des Einbaumes kam wahrscheinlich das Paddel als Hilfsmittel zur zielgerechten Fortbewegung. Aus der Handhabung des Paddels erkannte man sicherlich auch den Einfluss auf die Richtungsänderung, bzw, die Steuerung. Aus ägyptischen Wandmalereinen und Papyri ist ersichtlich, daß sie schon sehr früh mit breitblätterigen Paddeln arbeiteten.
Irgendwann erfand ein pragmatischer Mensch das Ruder, nur läßt sich heute nicht mehr nut Sicherheit sagen, wann das gewesenist. Das Ruder(die Riemen) war eine der wichtigsten Erfindungen im Schiffsbau, die es erstmals ermöglichte, ein Boot oder ein Schiff schneller als bisher über das Wasser zu bringen und ihm eine kräftigere und genauere Steuerung verlieh. Der Uebergang vom Paddel zum Ruder schient um 3000 v.u.Z. stattgefunden zu haben, wie aus Modellzeichnungen der Aegypter hervorgeht, und - wie man mittlerweile durch archäologische Funden nachweisen kann - auch auf die Aegäer zutrifft. In Bezug auf die Phoeniker war das Ruder und die Hochseefahrt schon bekannt, bevor die Kanaanäer, bzw, Phöniker überhaupt die Seefahrt angingen.
Wie das Segel erfunden wurde und wann, ist gleichermassen unbekannt, aber es war ein Geniestreich. Den Wind zum Auftrieb zu nutzen, indem er ein aufgehängtes Tuch, ein Fell oder dünne Häute blähte und daduch das Schiff vorwärts brachte, war ein Meilenstein in der Schiffsbaukunst und gleichermaßen in der Seefahrt. Menschenkräfte wurden durch die Kraft der Natur ersetzt, bzw. verstärkt. Seereisen auf kurze Distanz konnten numehr ausgeweitet und fernere Ziele angestrebt werden, wobei der Stauraum für Handelsware um ein Beträchtliches grösser wurde, da nunmehr die Rudergänger wegfielen.
Die bislang älteste nachweisliche Darstellung eines Segelbootes ist eine ägyptische. Sie zeigt einen Mast mit Segel vorne am Bug des Bootes. Diese Darstellung wurde auf 2900 v.u.Z. datiert und man geht davon aus, dass die Aegypter die ersten waren, die in der Schiffahrt Segel benutzten.Der Mast war anfangs ein Doppelter, bzw. bestand aus zwei Masten, die beidseitig am Rumpf befestigt waren und sich nach oben hin verjüngend verbanden; ein auf dem Kopf stehendes V sozusagen.
Aehnlich den Schiffsbauten der Minoer war auch das phönizische Wasserfahrzeug - als dieses Volk begann, sich einen Namen als Seefahrer zu machen - eine Konstruktion mit einem dickbäuchig gewölbten Rumpf und einem entsprechend starken Kiel, der von den neueren ägyptischen Modellen um 2000 v.u.Z. herum abgeleitet worden war. Der ganze Rumpf war in etwa drei bis viermal so lang wie breit und hatte einen sehr hohen Vorder- und Hintersteven. Gesteuert wurde es von zwei Rudern, die je seitlich am Rumpf in direkter Nähe des Hinterstevens befestigt waren. Angetrieben wurde es von einem Segel. ( Segelschiffe wurden vorrangig zum Handel und die Ruderschiffe vorzugsweise zu Kriegsfahrten gebraucht)

Die Segel, die die Phoniker benutzten, waren anders befestigt. Sie wurden von einem einzelnen, kurzen Mast gehalten, der fest im Rumpf und womöglich auch am Kiel befestigt war und zusätzlich mit Trossen am Rumpf festgehalten wurde. Ihre Schiffe und die Schiffstypen waren sehr schnell im Mittelmeer bekannt, als die Phoeniker, wenn auch recht spät um 1500 v.u.Z mit der Seefahrt begannen, im Mittelmeer regelrechte Handelstrassen einrichteten und erste Kolonien gründeten. Zwischendurch waren ihre Häfen und Stadtstaaten eine regelmässige Beute insbesondere der Assyrer. Die Phöniker überlebten die annähernd 250 Jahre währende Feindschaft der Assyrer mit Ausdauer und einem gewissen Fatalismus, nicht durch Krieg. Lieber schon kauften sie sich von einer angedrohten Agression frei.

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